{"id":1007,"date":"2020-04-23T14:07:26","date_gmt":"2020-04-23T14:07:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.trans.zhdk.ch\/boundarywork\/?p=1007"},"modified":"2020-11-24T18:49:50","modified_gmt":"2020-11-24T18:49:50","slug":"alternativmedizin-als-transdisziplinare-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/alternativmedizin-als-transdisziplinare-praxis\/","title":{"rendered":"&#8220;Alternativmedizin&#8221; als unfreiwillig transdisziplin\u00e4re Praxis"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\">v.1.1<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber <em>das was wir tun<\/em> und wie wir davon sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nomen est Omen<\/h2>\n\n\n\n<p>Dieser Artikel wurde f\u00fcr ein Glossar geschrieben und so beginnt er mit einer Befragung verschiedener Namen f\u00fcr <em>das was wir tun<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alternativmedizin<\/strong> ist ein verbreiteter Begriff. Er verweist zuallererst auf ein Original, auf einen Standard von dem dessen Alternative abweicht. Unter diesem Vorzeichen wird danach jede Beschreibung einer Praxis gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Komplement\u00e4rmedizin<\/strong> tut das selbe, nur dass die Praxis auf die sie verweist nicht den Status einer Alternative erh\u00e4lt sondern den eines Komplements. Die bezeichnete Praxis ist also bevor sie beschrieben werden kann einzuordnen als etwas das als Erg\u00e4nzung zu einem ihr \u00e4usserlichen Standard betrieben werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir also eine so etikettierte Disziplin betreten k\u00f6nnen, bevor wir ihren Korpus an Wissen  und Praktiken begutachten k\u00f6nnen, wird uns ein Rahmen gesteckt, eine zwingende Referenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Bezeichnung, die oft gew\u00e4hlt wird, ist <strong>Naturheilkunde<\/strong>. Da sie nicht auf einer Negation basiert, sondern durch einen positiven Bezug auf &#8220;Natur&#8221; wird sie von vielen Praktizierenden bevorzugt.  In der Welt der Pharmakotherapie kann sie sich auf den Grad der Verarbeitung der Arzneien beziehen, sich in eine Opposition stellen zu einer &#8220;Chemo-Medizin&#8221;. Bei Manuellen Behandlungspraxen funktioniert der Bezug zum Beispiel \u00fcber den Begriff der Selbstheilungskr\u00e4fte des K\u00f6rpers. Die Bezeichnung ist dennoch nicht ideal. Sie verschweigt, dass sie eine Kulturtechnik bezeichnet und best\u00e4rkt die Dichotomie Natur\/Kultur \u00fcberall dort wo diese automatisch aufgerufen wird, wenn einer der beiden Begriffe f\u00e4llt. Selbst wenn sie es anders meint, wird sie so verstanden. Da sie in der Folge, weder von jenen ernst genommen wird welche klassisch naturwissenschaftlich in Paradigmen der Naturbeherrschung denken, noch von jenen, welche die Natur\/Kultur Dichotomie ablehnen, hat eine <strong>Naturheilkunde<\/strong> epistemologisch einen schweren Stand. Sie bleibt eine unm\u00fcndige Stimme in der grossen Familie der Medizin.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Adieu du schn\u00f6de Medizin?<\/h2>\n\n\n\n<p>In der Folge wird manchmal der umgekehrte Weg beschrieben um \u00fcber <em>das was wir tun<\/em> sprechen schreiben und forschen zu k\u00f6nnen: Die Natur wird ebenso gestrichen wie die Medizin als Bezugsrahmen; stattdessen wird eine <strong>Kulturtechnik<\/strong> <em>gefunden<\/em> und untersucht. Dies \u00f6ffnet nun die T\u00fcren zur Wissenschaftlichkeit und damit zur Wissensproduktion \u00fcber Geistes- oder Sozialwissenschaften. Tats\u00e4chlich er\u00f6ffnet das oft einen wertvollen Raum, der genutzt werden kann, f\u00fcr ein Forschen und Nachdenken \u00fcber <em>das was wir tun<\/em>. Ein Schreiben und Sprechen wird m\u00f6glich das sich nicht schon im Vornherein in Rechtfertigungs-Diskursen verl\u00e4uft. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches Schreiben ist wertvoll, weil in ihm die traditionellen Medizinsysteme als sich fortschreibend, sich performierend, \u00fcbersetzend und mit zeitgen\u00f6ssischen, lokalisierbaren Lebensrealit\u00e4ten korrespondierend gelesen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hinwendung zu <em>dem was wir tun<\/em> als <strong>Kulturtechnik<\/strong> jenseits des  Diskurses der Medizin hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: Sie entfernt sich von <em>dem was wir tun<\/em>, als etwas das in seiner Praxis verantwortungsvoll mit kranken K\u00f6rpern auseinandersetzt die gerne gesund sein wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Praxis ist mit dem Begriff Medizin untrennbar verkn\u00fcpft und wird ihr immer wieder eingeschrieben. Einer Kultutrtechnik die keine Medizin sein will, wird umgekehrt (ausserhalb eines sehr engen Kreises) diese Verantwortung aberkannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ohne eine Praxis aber, die sich selber ernst nimmt, bleibt vom &#8220;Anderen Wissen&#8221; nur eine Repr\u00e4sentation im Archiv, ein St\u00fcck koloniales Beutegut. Es ist die Performanz, das Lernen aus den Resultaten einer ernsthaften Anwendung sowie die Weitergabe, nicht als akademische Kuriosit\u00e4t, sondern als praktizierte Kulturtechnik, die das Wissen <em>erh\u00e4lt<\/em> und kein Versuch einer Konservierung kann diesen Aspekt ersetzen. Auch wenn unsere Klient*innen deswegen zu uns finden: Es ist nicht die Qualit\u00e4t des Originals, die Authentizit\u00e4t eines <em>uralten Wissens<\/em>, die unsere Angebote wertvoll macht. Es ist vielmehr die Qualit\u00e4t der Tradierung als einer Spur eines Wissens das sich in verschiedensten Geselschaftsformationen immer wieder aktualisiert und verantwortlich verhalten hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Es k\u00f6nnte trotzdem sch\u00f6ner sein.<\/h2>\n\n\n\n<p>Zumindest in Europa ist es also so: Wer unsere Praxen aus\u00fcbt, kommt nicht umhin, sich im Schreiben, wie auch im Praxisalltag auf das <em>Referenzsystem<\/em> Medizin zu beziehen. In dem Feld in dem wir arbeiten, gibt es klar bestimmte Denkkollektive,  die klar bestimmte Standards setzten und durchsetzten und ihre Legitimation aus einer Verantwortlichkeit gegen\u00fcber dem Gegenstand bezieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer also das tut was wir tun, tut gleichzeitig immer schon etwas anderes, <strong>\u00fcbersetzt<\/strong> immerschon in eine andere Sprache, ein anderes Referenzsystem, <strong>performt<\/strong> in dessen Bann, oder aber sucht Anschl\u00fcsse an dieses um sich eine Verortung, einen Raum zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht Notwendig, dass das was schlechtes ist. Es ist eine Art unfreiwillige Transdisziplinarit\u00e4t, die vom &#8220;real-world-problem&#8221; Gesundheit her angestiftet wird. Die \u00dcbersetzung und das performative fortschreiben des Wissens unter den Bedingungen die halt sind, kann affirmiert werden. Eine kritische Haltung gegen\u00fcber der Standardmedizin einzunehmen, heisst auch f\u00fcr viele von uns nicht, jene komplett abzulehnen. Ungel\u00f6st ist das Problem, wie in einem Feld das von solchen Machtgef\u00e4llen durchzogen ist, Beziehung entwickelt und echte Dialoge gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">v.1.1 \u00dcber das was wir tun und wie wir davon sprechen k\u00f6nnen. Nomen est Omen Dieser Artikel wurde f\u00fcr ein Glossar geschrieben und so beginnt er mit einer Befragung verschiedener Namen f\u00fcr das was wir tun. Alternativmedizin ist ein verbreiteter Begriff. 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