{"id":201,"date":"2020-03-22T08:10:20","date_gmt":"2020-03-22T08:10:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.trans.zhdk.ch\/boundarywork\/?p=201"},"modified":"2020-04-09T09:28:25","modified_gmt":"2020-04-09T09:28:25","slug":"boundary-object","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/boundary-object\/","title":{"rendered":"boundary object"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1651\" height=\"2309\" src=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0398.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-593\" srcset=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0398.jpg 1651w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0398-107x150.jpg 107w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0398-768x1074.jpg 768w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0398-1098x1536.jpg 1098w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0398-1464x2048.jpg 1464w\" sizes=\"auto, (max-width: 1651px) 100vw, 1651px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1426\" height=\"2063\" src=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0399.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-595\" srcset=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0399.jpg 1426w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0399-104x150.jpg 104w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0399-768x1111.jpg 768w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0399-1062x1536.jpg 1062w, https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/IMG_0399-1416x2048.jpg 1416w\" sizes=\"auto, (max-width: 1426px) 100vw, 1426px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>boundary objects<\/p>\n\n\n\n<p>Sabine Maasen schreibt in ihrem Essay \u201cCollaborating In and Beyond Science \u2014 Obstacles and (Somewhat Surprising) Opportunities\u201d \u00fcber <em>boundary objects<\/em>: \u201cA <em>boundary object<\/em> is both a product and a mediator of multiple interaction needed enable productive cooperation among various social worlds without taking away their differences in perspective.\u201d\u00a0Bei dieser Beschreibung musste ich an einen anderen Theoretiker denken, den Dichter und Philosophen \u00c9douard Glissant. Er will in seinen Schriften, die westliche Idee einer Binarit\u00e4t <em>(\u201cthe same, the other\u201d)<\/em> \u00fcberkommen und ein Denken in Beziehungen etablieren. Dieses Unterfangen r\u00fchrt von seinem Aufwachsen in Martinique, einem Inselstaat, der Teil eines Archipels (einer Inselgruppe) ist, in dem sich die Idee von europ\u00e4ischen (oder durch die Europ\u00e4er gezogenen) Nationalgrenzen und -identit\u00e4ten nicht durchsetzen l\u00e4sst. Bei einem Archipel gibt es kein Zentrum, keine gefestigte Identit\u00e4t: Die Menschen der unterschiedlichen Inseln tauschen sich aus und ver\u00e4ndern sich dadurch, jedoch, so dr\u00fcckt sich Glissant aus, verlieren die Menschen in diesen Beziehungen zueinander ihr Selbstgef\u00fchl nie.  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2020\/03\/Bildschirmfoto-2020-04-08-um-20.56.35.png\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Er sieht die Differenz nicht als eine Gefahr, die es zu eliminieren gilt, sondern, so m\u00f6chte ich es nennen, als ein Geschenk. (Ist es nicht gerade, die Differenz, die wir so sehr an unserer Partner_innen lieben, erinnere ich Andr\u00e9 Vladimir Heiz in meinem Kopf.) Die Differenz wird zum Geschenk in einer Beziehung, sie ist das Moment, die Einzigartigkeit. Auf eine etwas beliebigere Beziehung appliziert, l\u00e4sst sich vielleicht sagen, das wir <em>einander ausgesetzt sind<\/em> (L\u00e9vinas), woraus eine Verantwortung w\u00e4chst. So ist die Differenz das, was uns eint, nicht das, was uns teilt. In <em>Poetik der Beziehung <\/em>schreibt Glissant: \u201cEs ist f\u00fcr mich nicht notwendig, dass er [der Andere] mich versteht, um mich mit ihm solidarisch zu f\u00fchlen, mit ihm etwas aufzubauen oder wertzusch\u00e4tzen, was er macht. Ich muss nicht so werden wollen wie er (ein Anderer werden), ebenso wenig wie ich ihn nach meinem Bild formen muss.\u201d Dieser Gedanke l\u00e4sst sich mit seinem Begriff der \u201cOpazit\u00e4t\u201d zusammenfassen, \u201cetwas in seinem nicht reduzierbaren eigenen Dasein zu belassen.\u201d Damit will uns Glissant sagen, dass die Dinge opak bleiben sollen, um der Komplexit\u00e4t der Welt gerecht zu werden, mehr noch um Verheerendes zu verhindern. In einer r\u00fchrenden Geschichte erz\u00e4hlt Manthia Diawara, der einen Film \u00fcber Glissant drehte, warum die Opazit\u00e4t f\u00fcr Glissant so wichtig war. Mit einigen Freunden setzte sich Glissant f\u00fcr das Bleiberecht von Personen ein, die <em>sans-papier<\/em> in Frankreich lebten. Unter ihnen ein \u00e4lterer malischer Mann, Mamadou Soumare war sein Name. Dieser Mann verlangte von Glissant ein Treffen mit einer Person, die seine Muttersprache sprach, denn sein Franz\u00f6sisch war l\u00fcckenhaft. Die Person, die Glissant organisierte, war Manthia Diawara, es stellte sich heraus, dass der \u00e4ltere Mann Diawara nur treffen wollte, damit dieser des \u00e4lteren Herrens ganzer Dank an Glissant weiterleiten konnte. \u00dcber Diawara bezogen sich Soumare und Glissant zueinander, Diawara wurde zum Vermittler. Es war der einzige Moment, der explizit gemacht werden musste, ansonsten wusste der \u00e4ltere Mann, dass Glissants Gedichte von jenen handelten, die in der Undurchsichtigkeit des Meeres verloren gingen. Er erz\u00e4hlte seinen Freunden die Gedichte nach, obwohl er die Sprache nicht sprach. Das musste er aber auch gar nicht, denn er wusste, wie es sich anf\u00fchlte. Eine Gemeinschaft der Ungleichen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnen wir (weitere) Beispiele aus der Praxis finden? Mir d\u00e4mmert das Theater <em>Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz<\/em>.In den folgenden Zitaten sprechen Mitarbeitende der Castorf-Intendanz, die diese Analogie veranschaulichen:<\/p>\n\n\n\n<p>Bert Neumann, B\u00fchnenbildner<br>\u201cEs gibt in letzter Zeit den Trend, dass Regisseure auch die B\u00fchnenbilder machen oder B\u00fchnenbildner Regie f\u00fchren, aber ich finde vor allem die Begegnung verschiedener Identit\u00e4ten auf einer B\u00fchne interessant, weil dann etwas anderes passiert als das, was man sich als Einzelner vorgestellt hat. Das ist der eigentlich interessante Vorgang. Wenn man Dienstleister nimmt, passiert genau das, was man sich vorstellt. Da gibt es keine Reibung mehr. Man muss so souver\u00e4n sein, das Widerstrebende nicht als Angriff zu interpretieren, sondern als M\u00f6glichkeit, mit dem, was da ist, was machen zu k\u00f6nnen oder zu m\u00fcssen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Kathrin Angerer, Schauspielerin<br>\u201cFrank Castorf arbeitet im Probenprozess offensiv mit dem, was er am Einzelnen sieht oder erkennt. Der Schauspieler wird als Person nicht ignoriert oder muss sich eine Rolle \u00fcberst\u00fclpen oder sich komplett verwandeln, sonder er bleibt im Spiel der Mensch, der er ist. Mit diesen realen Personen und ihren Biographien, die Frank an der Volksb\u00fchne meistens gut kennt, wird auf der B\u00fchne gearbeitet bzw. gespielt. Er sieht genau, wo die Qualit\u00e4t von jemandem liegt und versucht, die zu verst\u00e4rken. Dabei werden Qualit\u00e4ten und Dinge, die man gut kann oder die einen als Person ausmachen, genauso verst\u00e4rkt wie zum Beispiel das Schwere eines Menschen, der zur Depression neigt, oder bei einem leichten Menschen das Leichtf\u00fcssige. Dadurch entsteht die Kraft dieser Expressivit\u00e4t, die darauf beruht, dass im Spieler vorhandene Anlagen vergr\u00f6ssert und intensiv zum Ausdruck gebracht werden. Da bereits im Spieler vorhandene Eigenschaften verfestigt werden, bekommt das Spiel eine Nat\u00fcrlichkeit. <br>[\u2026] Sophie Rois ist komplett anders als ich, und Henry H\u00fcbchen ganz anders als Herbert Fritsch. Das sind alles ganz eigene Wesen, ganz eigene Charaktere. Von daher gab es auch keine besonders grosse Konkurrenz, denn alle hatten etwas ganz Eigenes.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Hendrik Arnst, Schauspieler<br>\u201cWenn man auf diese B\u00fchne geht, wird man zu hundert Prozent gefordert \u2013 durch die R\u00e4ume, aber vor allem durch die Mitspieler. Henry H\u00fcbchen, Sophie Rois, Walfriede Schmitt, wie sie alle heissen, sind alle wundervolle Edelsteine, aber sie funkeln an der Volksb\u00fchne immer mit den anderen zusammen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Sch\u00fctz, Schauspieler<br>\u201cDas Humanistische an der Volksb\u00fchne besteht darin, dass man tats\u00e4chlich die Differenz sch\u00e4tzt. Es existiert eine Akzeptanz und niemand sagt dir, dass du anders sein sollst. Nat\u00fcrlich gibt\u2019s welche, die dir auf den Sack gehen. Aber selbst wenn Kurt Naumann im Drogenwahn \u00fcber die B\u00fchne stolperte, war das zwar eine St\u00f6rung, aber es konnte auch sehr produktiv sein und dich zu einer neuen Sicht anregen. Jedes st\u00f6rende Verhalten war immer beides: St\u00f6rung, aber auch immer eine Chance f\u00fcr etwas anderes. Die Unterschiedlichkeit ist gew\u00fcnscht und durfte nicht nur, sondern sollte sein.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Frank Castorf l\u00e4sst sich einiges vorwerfen, und das weiss er auch, hingegen empfinde die Arbeitsweise, die in diesem Haus praktiziert wurde, als eine produktive Spielform der Glissantschen Denkweise der Differenz und der Beziehung. Wird in unserem Beispiel die B\u00fchne zu einem <em>boundary object, <\/em>worauf die Opazit\u00e4t, die Differenz, die Intuition und die Beziehung eine Antwort gibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder um mit Glissant zu schliessen: \u201cEs trifft auch zu, dass jede Gemeinschaft aus ihrer Opazit\u00e4t heraus lebt: Sie ist das, was uns f\u00fcr immer verbindet, indem sie uns f\u00fcr immer einzigartig sein l\u00e4sst. Die allgemeine Zustimmung zu den einzelnen Opazit\u00e4ten ist der einfachste Garant f\u00fcr die Vermeidung von Barbarei.\u201d&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">boundary objects Sabine Maasen schreibt in ihrem Essay \u201cCollaborating In and Beyond Science \u2014 Obstacles and (Somewhat Surprising) Opportunities\u201d \u00fcber boundary objects: \u201cA boundary object is both a product and a mediator of multiple interaction needed enable productive cooperation among various social worlds without taking away their differences in perspective.\u201d\u00a0Bei dieser Beschreibung musste ich an&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/boundary-object\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":121,"featured_media":723,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"h5ap_radio_sources":[],"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[69,49,7],"tags":[],"class_list":["post-201","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-boundary-object","category-concepts","category-objectperspectives"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/users\/121"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=201"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":725,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions\/725"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/media\/723"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/boundarywork\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}