{"id":3050,"date":"2014-03-17T17:05:53","date_gmt":"2014-03-17T17:05:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.whatwesee.ch\/?p=1979"},"modified":"2014-03-17T17:05:53","modified_gmt":"2014-03-17T17:05:53","slug":"fremde-adressen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/fremde-adressen-2\/","title":{"rendered":"Textauszug von Barthes &#8220;Das Reich der Zeichen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die Strassen dieser Stadt haben keine Namen.<\/p>\n<p>Wohl gibt es eine geschriebene Adresse, aber die hat<\/p>\n<p>ausschliesslich postalische Bedeutung; sie bezieht sich auf<\/p>\n<p>ein Kataster (nach Vierteln und Blocks ohne jede Geometrie),<\/p>\n<p>das der Postbote kennt, nicht aber der Besucher:<\/p>\n<p>Die groesste Stadt der Welt besitzt praktisch keine<\/p>\n<p>Klassifizierung; die Raeume aus denen sie besteht, sind<\/p>\n<p>namenlos. Diese Unschaerfe in der Bestimmung der Wohnung<\/p>\n<p>erscheint solchen (wie uns) als unbequem, die sich an die<\/p>\n<p>Festlegung gewoehnt haben, das Praktische sei stets das<\/p>\n<p>Rationalste (ein Prinzip, wonach die beste staedtische<\/p>\n<p>Toponymie die der nummerierten Strassen waere, wie es in den<\/p>\n<p>Vereinigten Staaten oder in Kyoto, einer chinesischen Stadt,<\/p>\n<p>gibt).<\/p>\n<p>Tokyo erinnert uns indessen daran, dass das Rationale<\/p>\n<p>lediglich ein System unter vielen ist. Damit Wirklichkeit<\/p>\n<p>beherrschbar wird (in unserem Falle die der Adressen),<\/p>\n<p>genuegt es, wenn ueberhaupt ein System existiert, und waere<\/p>\n<p>dieses System auch scheinbar unlogisch, uebermaessig<\/p>\n<p>kompliziert oder merkwuerdig disparat:<\/p>\n<p>eine gelungene Improvisation kann nicht nur, wie man weiss,<\/p>\n<p>aeusserst haltbar sein, sie kann auch die Beduerfnisse<\/p>\n<p>vieler Millionen Einwohner befriedigen, die im uebrigen alle<\/p>\n<p>Perfektion der technischen Zivilisation gewohnt sind.<\/p>\n<p>Die Namenlosigkeit wird durch eine Reihe von Hilfsmitteln<\/p>\n<p>(so jedenfalls erscheinen sie uns) ausgeglichen, deren<\/p>\n<p>Kombination ein System ergibt. Man kann die Adresse durch<\/p>\n<p>eine (gezeichnete oder gedruckte) Orientierungsskizze<\/p>\n<p>darstellen, eine Art geographischen Verzeichnisses, das die<\/p>\n<p>Wohnung ausgehend von einem bekannten Anhaltspunkt, einem<\/p>\n<p>Bahnhof etwa, lokalisiert (die Einwohner brillieren in der<\/p>\n<p>Verfertigung solcher improvisierten Zeichnungen, die, auf<\/p>\n<p>einem Stueckchen Papier skizziert, eine Strasse, ein<\/p>\n<p>Gebaeude, einen Adressentausch zu einer koestlichen<\/p>\n<p>Kommunikation machen, in der ein Koerperleben, eine Kunst<\/p>\n<p>der graphischen Geste wiedererstehen:<\/p>\n<p>Es ist immer ein Vergnuegen, jemand beim Schreiben<\/p>\n<p>zuzusehen, erst recht aber beim Zeichnen: Von all den<\/p>\n<p>Gelegenheiten, da jemand mir auf diese Weise eine Adresse<\/p>\n<p>mitteilte, bewahre ich die Geste meines Gespraechspartners<\/p>\n<p>im Gedaechtnis, mit der dieser den Bleistift umdrehte und<\/p>\n<p>mit dem am oberen Ende angebrachten Radiergummi vorsichtig<\/p>\n<p>die uebertriebene Biegung einer Strasse oder das<\/p>\n<p>Verbindungsstueck einer Bruecke ausradierte; obwohl der<\/p>\n<p>Radiergummi der graphischen Tradition Japans widerspricht,<\/p>\n<p>str ahlte diese Geste doch etwas Friedliches, Liebkosendes<\/p>\n<p>und Sicheres aus, ganz so, als folgte selbst diese<\/p>\n<p>nebensaechliche Handlung der Regel des Schauspielers Zeami,<\/p>\n<p>wonach der Koerper mit groesserer Zurueckhaltung arbeitet<\/p>\n<p>als der Geist&#8221;.<\/p>\n<p>In all dem ging es weit mehr um den Akt der Mitteilung als<\/p>\n<p>um die Adresse selbst, und in meiner Faszination haette ich<\/p>\n<p>gewuenscht, es moechte doch Stunden dauern, mir diese<\/p>\n<p>Adresse zu geben. Man kann auch, sofern man den Ort, an dem<\/p>\n<p>man will, bereits kennt, den Taxifahrer selbst durch die<\/p>\n<p>Strassen lotsen. Und schliesslich kann man den Fahrer auch<\/p>\n<p>bitten, sich selbst von dem fernen Besucher, zu dem man<\/p>\n<p>gelangen will, ueber eines der grossen roten Telephone<\/p>\n<p>dirigieren zu lassen, die an fast allen Strassenaus lagen<\/p>\n<p>installiert sind.<\/p>\n<p>All dies macht die visuelle Erfahrung zu einem<\/p>\n<p>entscheidenden Element der Orientierung: eine banale<\/p>\n<p>Feststellung, wo es sich um den Dschungel oder den Busch<\/p>\n<p>handelt; sie wirkt jedoch weit weniger banal, wenn es um<\/p>\n<p>eine sehr grosse moderne Stadt geht, deren Kenntnis<\/p>\n<p>gewoehnlich durch Stadtplaene, Fuehrer, Telefonbuecher, mit<\/p>\n<p>einem Wort: durch die gedruckte Kultur und nicht durch eine<\/p>\n<p>gestische Praxis sichergestellt wird.<\/p>\n<p>Hier dagegen stuetzt keine Abstraktion die Lokalisierung der<\/p>\n<p>Wohnung; jenseits des Katasters ist sie nicht als pure<\/p>\n<p>Kontingenz: eher faktischer denn rechtlicher Natur,<\/p>\n<p>bestaetigt sie nicht laenger die Verbindung einer Identitaet<\/p>\n<p>mit einem Besitz.<\/p>\n<p>Diese Stadt kann man nur durch eine Taetigkeit<\/p>\n<p>ethnographischen Typs kennenlernen: man muss sich in ihr<\/p>\n<p>nicht durch das Buch, durch die Adresse orientieren, sondern<\/p>\n<p>durch Gehen und Sehen, durch Gewoehnung und Erfahrung. Jede<\/p>\n<p>Entdeckung ist hier intensiv und fragil. Wiederfinden laesst<\/p>\n<p>sie sich allein durch die Erinnerung an die Spur, die sie in<\/p>\n<p>uns hinterlassen hat:<\/p>\n<p>Einen Ort zum erstenmal besuchen heisst dann: beginnen, ihn<\/p>\n<p>zu schreiben: Da die Adresse ungeschrieben ist, muss sie<\/p>\n<p>sich eine eigene Schrift schaffen.&#8221;<\/p>\n<p>Textauszug von Roland Barthes` &#8220;Das Reich der Zeichen&#8221;,<\/p>\n<p>edition suhrkamp, Frankfurt a.M. 1981, Kapitel &#8220;Ohne<\/p>\n<p>Adressen&#8221;, S. 51-55<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">&#8220;Die Strassen dieser Stadt haben keine Namen. Wohl gibt es eine geschriebene Adresse, aber die hat ausschliesslich postalische Bedeutung; sie bezieht sich auf ein Kataster (nach Vierteln und Blocks ohne jede Geometrie), das der Postbote kennt, nicht aber der Besucher: Die groesste Stadt der Welt besitzt praktisch keine Klassifizierung; die Raeume aus denen sie besteht,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/fremde-adressen-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"h5ap_radio_sources":[],"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[2],"tags":[80],"class_list":["post-3050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-pool","tag-pool"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3050"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3050\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.mtr.zhdk.ch\/whatwesee\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}